GOING CRAZY die neue CD
Toto Blanke (git., slide git., vocals,
percussion, bottles and other strange instruments...)
Knurren aus dem Bauch
Mann, Toto, Du kannst einen
erschrecken. Man schiebt die CD ein, hört die ersten gespenstischen Töne auf
der Nähmaschinen-Gitarre und denkt auf Anhieb: Der Titel der CD ist treffend
gewählt – der Kerl wird langsam verrückt. Doch der Schreck lässt schnell
nach. Die Nähmaschinen-Gitarre taucht zwar immer wieder mal auf, und auch sonst
schrammen einem viele bizarre Töne ins Ohr, aber die kuriose Musikmischung
dieser CD hat einen besonderen Reiz, dem man sich schon nach dem ersten
Abspielen kaum entziehen kann. Der Charme der Aufnahmen besteht darin, dass der
Hörer immer wieder überrascht wird, dass ihm dabei ständig das Wort „verrückt“
einfällt, dass er aber sehr schnell fühlt, wie das Neue mit großer
Selbstverständlichkeit einen eigenen Wohlklang entwickelt.
Die Titel sind zumeist kein Jazz, obwohl immer wieder Jazziges anklingt, und
Blanke sehr wohl John Coltranes „Giant Steps“ zu schätzen weiß. Die
Gitarre ist das Hauptinstrument dieser CD, und doch wird hier niemand von
Gitarrenmusik sprechen wollen. Nur für den Titel „Solo“ greift Toto zur
akustischen Gitarre, hin und wieder erinnert er mit Anklängen an Wes
Montgomery, dass er auch ganz anders kann, aber ansonsten setzt er alles ein,
was Töne hervorbringt: Er trommelt auf diversen Perkussionsinstrumenten, spielt
Akkordeon, bläst auf dem Kamm und zu den schmalzigen Klängen einer
Hawai-Gitarre in Bierflaschen („Budweiser!“, sagt Toto). Er lässt ein
Gitarrensolo rückwärts laufen, erzeugt lange Töne, indem er mit dem
sogenannten E-Bow über die Gitarrensaiten streicht und schafft – auf der von
ihm erfundenen Nähmaschinen-Gitarre - orgelähnliche Sequenzen mit Hilfe eines
Volumenpedals und eines Echogerätes.
Verrückt? Ein bisschen schon, aber das Ergebnis ist hörenswert, es macht Spaß.
Wer glaubt, er könnte „Going Crazy“ gut als Rausschmeißer für unangenehme
Gäste nutzen, wird enttäuscht werden. (Könnte sein, dass die Gäste nach mehr
rufen.) „Ich versuche immer wieder“, sagt Toto, „einer hübschen Melodie
das Schnulzige zu nehmen, indem ich sie durch neue Klänge verfremde.“
Das glückt ihm besonders gut, wenn er seine Stimme einsetzt – nein, er singt
nicht, er grummelt und knurrt und quetscht irgendwelche unverständlichen Worte
ganz tief aus dem Hals. Vocals
to end all vocals. Dagegen nimmt
sich Lee Marvins “Wanderin’ Star” fast wie Engelsgesäusel aus.
Auf dieser CD ist kein Titel wie der andere, der Hörer hat keine Chance, sich
an einen bestimmten Klang oder Rhythmus zu gewöhnen. Erst die Sphärenmusik mit
E-Bow und Kazoo, dann ein fast traditioneller „Rapman“ auf der Gitarre, ein
geknurrter „Berber Song“, ein fröhlicher „African Waltz“, und
zwischendurch intoniert Toto sogar ein paar Takte „Amazing Grace“. Kurz vor
Schluss gibt’s dann noch „Kirchenmusik“, eine freie
Gitarren-Improvisation, inspiriert durch Altmeister Bach. „Ich hab’ fast
alles aus dem Bauch gemacht“, sagt Toto.
Aber dieser Bauch hat Erfahrung. Es steht Toto Blanke zu, dass er sich jetzt, wo
sein Schnauzbart grau ist, auch ein wenig Spaß mit seiner Musik gönnt (die er
im übrigen natürlich so ernst wie eh und je nimmt). Mit der Association P.C.
und der Gruppe Electric Circus hat er ein kleines Kapitel deutscher
Jazz-Geschichte mitgeschrieben. Auf internationalen Gitarrenfestivals, in
Konzerten und durch Aufnahmen mit Rolf und Joachim Kühn, mit Philip Catherine,
Tony Lakatos oder Rudolf Dasek hat er sich immer wieder als Gitarrist der
vorderen Reihe bewiesen.
Jazzer ist Toto von Geburt, da gibt es keinen Zweifel. Verzeihen wir ihm, dass
er manchmal auch Tango spielt oder Eugen Drewermann auf der Gitarre begleitet.
„Going Crazy“ brauchen wir nicht zu verzeihen. Das kommt aus dem Bauch und
geht in den Bauch. Und öffnet verstopfte Ohren.
Peter Bölke

" Musik ist der Ausdruck der Zeit, in der wir leben: Des Lärms, der Hektik, der Aggressionen, aber auch der Schönheit, des Friedens und der Liebe."
Das sagt der Gitarrist und Komponist Toto Blanke zu seiner Musik.
Die Gitarrenlegende Toto Blanke erlangte internationalen Ruhm bei den Berliner Jazztagen 1971, wo er zusammen mit seiner Band ASSOCIATION PC auftrat. Es folgten Tourneen durch Europa, Asien und Afrika. 1976 gründete er mit Jasper van`t Hof die Gruppe ELECTRIC CIRCUS, die gleichnamige LP ist ein Meilenstein des zeitgenössischen Jazz der 80er Jahre. Charly Mariano, Rolf und Joachim Kühn, Philip Catherine, Jeremy Steig, Trilok Gurtu, John Lee, Gerry Brown, Dave King, Tony Lakatos, Norbert Dömling, um nur einige zu nennen, gehörten in den letzten 30 Jahren zu seinen musikalischen Weggefährten. 1978 lernte er den Prager Gitarristen Rudolf Dasek kennen, mit dem er bis heute zusammen auftritt. Das Duo unternahm etliche Tourneen durch Ost- und Westeuropa, Afrika, Asien und war bei allen wichtigen Festivals in Südamerika zu Gast. Zahlreiche LPs und CDs zeugen von der Entwicklung des Duos. 2002 wurden die beiden erneut zu dem größten und bedeutendsten internationalen Gitarrenfestival - Guitarras del Mundo - nach Argentinien eingeladen. Ende der 80er Jahre widmete Toto Blanke sich auch der argentinischen Tangomusik und begegnete 1996 den argentinischen Charangovirtuosen und Gitarristen Diego Jascalevich; den vielen gemeinsamen Auftritten folgte die CD SUR. Seit 1986 arbeitet er vermehrt mit dem in Cadaques Spanien - lebenden Maler, Bildhauer und Aktionskünstler Bernd Block zusammen. Auf ihren Performances improvisieren sie interaktiv miteinander. Ebenfalls 1986 hat Toto Blanke das Internationales Gitarrenfestival Paderborn ins Leben gerufen, bei dem den Zuhören auf bisher 13 Festivals die internationale Gitarren-Spitzenklasse serviert wurde. Zudem findet er immer noch Zeit, um in Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten und Kinderbuchautor Erwin Grosche Musik für Kinder zu komponieren. Mit dem Kirchenkritiker und Schriftsteller Eugen Drewermann, den er bisweilen bei seinen Wortgottesdiensten musikalisch begleitet, nahm er mehrere CDs auf.